"Da schlummert noch ein Geheimnis, da bin ich mir sicher...!"

 Ein Interview von Florian Breitsameter mit dem Autor Andreas Eschbach

 

Florian Breitsameter:

Mit Band 1935 erscheint ein Roman von Ihnen in der PERRY RHODAN-Heftserie. Wie kam es zu diesem "Gastauftritt"?

Andreas Eschbach:

Bei den SF-Tagen 1997 kam Klaus Frick auf mich zu und fragte, ob ich schon mal was von PERRY RHODAN gehört hätte ... Er hatte gerade die "Solarstation" gelesen und trug mir das Ansinnen vor, einen Band für die "Space Thriller" zu schreiben. Ich sagte, ja, warum nicht, outete mich als alten PERRY RHODAN-Fan, und wir verfolgten das dann eine Weile.

Dann stellte sich heraus, daß die "Space Thriller" erst mal nicht über die ersten vier Bände hinaus fortgesetzt werden würden. Auf der Frankfurter Buchmesse hockten wir eine ganze Weile zusammen und brüteten, was wir stattdessen unternehmen könnten. Ein PERRY RHODAN-Taschenbuch? Hmm, naja, meinte ich zögernd. Eigentlich seien die aber auch schon ziemlich weit verplant, meinte Klaus. Ich weiß nicht mehr, wer eigentlich auf die Idee kam, irgendwann war sie einfach da: warum nicht ein "Gastauftritt" in der Serie selbst?

Florian Breitsameter:

Sie hatten auf Ihrer Homepage sinngemäß den Satz stehen, daß Sie sich mit dem Schreiben eines PERRY RHODAN-Heftromans einen "Jugendtraum" erfüllen. Was war eigentlich die Faszination, die für Sie als Jugendlicher von PERRY RHODAN ausging?

Andreas Eschbach:

Das ist schwer zu sagen. Was ist es, das einen an etwas (oder jemandem) fasziniert? Wenn man das sagen kann, ist es vielleicht gar keine Faszination ...

Ich denke, dieses Geheimnisvolle ist ein Teil des Phänomens der Faszination. Aber ich will der Frage nicht ausweichen. PERRY RHODAN war für mich, was für andere Karl May ist - ich glaube, diese Aussage können viele Perry Rhodan Leser unterschreiben. Perry Rhodan war Old Shatterhand, Atlan war Winnetou, sozusagen. Eine phantastische Welt, in die man vollkommen eintauchen konnte, Abenteuer, die man miterleben konnte. Aber das Faszinierendste daran, glaube ich - und das ist bemerkenswert, wenn man es genau bedenkt - ist der moralische Anspruch, den ein Held wie Perry Rhodan an sich selbst stellt. Das hat er mit den Helden Karl Mays gemeinsam, und ich denke mir, daß man genau die gleiche Haltung bei den Star Trek-Serien findet. Wahrscheinlich ist es das, was einen Helden auszeichnen muß. Das ist nicht einer, der sich schlau und clever durchlaviert, andere in seinem Sinne gegeneinander ausspielt usw. und auf diese Weise "siegt"; vielmehr versucht ein Held immer, sozusagen "höhere Ideale" zu verwirklichen - Gerechtigkeit, zum Beispiel. Und das Schöne an der Welt des Heldenromans ist, daß ihm das gelingt und daß das Gute letztlich immer siegt.

Florian Breitsameter:

... und was ist von dieser Faszination bis zum heutigen Tage erhalten geblieben?

Andreas Eschbach:

Für mich trat ein Bruch ein, kurz nach dem Band 1000. Bis dahin war die Serie für mich etwas, das mich ständig begleitet hat, fasziniert hat, beschäftigt hat. Es war richtig erschreckend zu erleben, wie das alles sehr abrupt endete. Es war, glaube ich, Band 1020 oder so. Mitten im Heft, auf Seite 30 oder 40 vielleicht, legte ich das Ding beiseite und hatte das Gefühl, es ist vorbei. Und das war es dann auch erst einmal. Ich sträubte mich dagegen, versuchte, wieder reinzukommen - vergebens. Es war, als wäre ein Zauberbann gebrochen. Ich habe dann die Serie erst einmal aus den Augen verloren.

Vor einigen Jahren bekam ich von einem Bekannten, der im Antiquitätengeschäft ist, zwei große Kartons voller PERRY RHODAN-Hefte geschenkt. Da waren neben vielen Heften, die ich schon hatte, ganze Zyklen jenseits der 1000 komplett drin, und ich habe ein bißchen herumgelesen und spürte wie ein fernes Echo die alte Faszination wieder. Wenig später geriet ich an einen Kiosk und erstand das aktuelle PERRY RHODAN-Heft, weil ich einfach mal sehen wollte, was gerade los ist. Das war aus dem gerade zu Ende gehenden Linguiden-Zyklus, in dem sehr ausführlich zurückgegriffen wurde auf Ereignisse aus den "alten Zeiten", und da war ich plötzlich wieder Feuer und Flamme, schlappte jede Woche los, um das neueste Heft zu kaufen ... Bloß als dann der nächste Zyklus anbrach, ebbte das wieder ab. Nun, so ist es eben. Es dauert, so lange es dauert, aber ganz läßt einen etwas, das einmal so sehr Bestandteil des eigenen Lebens war, nie mehr los.

Aber nun schreibe ich einen Roman für die PERRY RHODAN-Serie, wow! Einfach nur zu sagen, ein Jugendtraum geht in Erfüllung, ist grenzenlos untertrieben. In meiner Jugend gab es die Götter, die das PERRY RHODAN Universum schufen - und nun, zwanzig Jahre später, werde ich aufgenommen in diesen Pantheon, als kleiner Hilfs- und Nebengott zwar nur und lediglich auf Besuch, aber immerhin! Ich meine, wie könnte man das noch toppen? Im Grunde nur, wenn mich Paul McCartney anruft und sagt, "Hey, ich will mit George und Ringo ins Studio gehen und einen Song aufnehmen, willst du nicht ein bißchen mitklampfen und ein paar Takte singen?"

Florian Breitsameter:

Ist es nicht eher ernüchternd, wenn man miterlebt, wie so ein PERRY RHODAN-Heftroman entsteht? Das da nicht die Autoren als simple Chronisten des Sternenhelden Perry agieren, sondern sich selbst die Abenteuer ausdenken müssen? Oder ist das eine ganz neue Erfahrung - das Schreiben nach einem Exposé und eben (mit diesen Einschränkungen) selbst in diesem Universum als Autor agieren zu dürfen? Immerhin ist ja wohl das erste Mal, daß Sie nach einem fremden Exposé schreiben ...?

Andreas Eschbach:

Ja, stimmt, das ist das erste Mal, daß ich nach einem fremden Exposé schreibe. Aber es ist eine ganz interessante Erfahrung: Ich habe festgestellt, daß ich auch mal ganz gern schreibe, ohne mir alles ausdenken zu müssen. Auch mit einem Handlungsrahmen bleiben noch genug Details, die man selber erfinden muß bzw. darf - speziell bei dem Exposé, das Robert Feldhoff für mich gestrickt hat. Das ließ mir auf eine ziemlich geschickte Weise große Freiheiten, ohne mich zum Schreiben eines reinen "Füllromans" zu verurteilen.

Ist es ernüchternd? Seltsam, die Frage ist mir jetzt schon zigmal gestellt worden, von PERRY RHODAN-Autoren, von Klaus Frick ... Alle scheinen Angst zu haben, ich könnte mich abwenden mit dem entsetzten Ausruf "Wie profan!" Deswegen will ich hier nochmals betonen, daß ich durchaus Erfahrung mit dem Schreiben einer Heftserie habe. Jawohl! Das ist sogar meine literarische Heimat. Man höre und staune!

Wie dies, fragt man sich. Nun, ganz einfach. Als ich mit ca. 12 Jahren anfing, auf einer Schreibmaschine zu schreiben, war das erste Werk, das ich erstellte (noch ziemlich mühsam getippt) ein selbstgemachter Heftroman - Band 1 einer eigenen Serie. Den schenkte ich meinem Vater zum Geburtstag, der mir die Freude machte, darüber sehr begeistert zu sein, was mich animierte, die Serie fortzusetzen. Zunächst klaute ich von PERRY RHODAN und anderen Serien, daß es nur so krachte, kam aber nach und nach darauf, daß ich mir auch eigene Sachen einfallen lassen konnte und daß das auch Spaß machte. Diese Hefte kursierten dann im Freundeskreis, in der Schule, entgingen mit Müh und Not dem zensierenden Zugriff der jeweiligen Deutschlehrer, animierten Freunde, ihre eigenen Serien herauszugeben, und auf dem Höhepunkt der Welle hatten wir uns auf einen zweiwöchigen Erscheinungsrhythmus eingeschossen. Unausdenkbar, wenn wir damals schon die Möglichkeiten gehabt hätten, die es heute gibt: Computer, Scanner, Laserdrucker, Copyshops. Gab es alles nicht. Alles Handarbeit, original getippt, selbstgemalte Titelbilder usw. Ich besitze die Hefte alle noch, um die 40 Stück sind es, blättere ab und zu darin und denke, wie gut es war, daß ich unbewußt den Rat befolgt habe, den ich allen geben möchte, die schreiben; kümmere dich nicht darum, ob es Kritikern und Fachleuten gefällt - interessiere dich nur dafür, wie es deinen Lesern gefällt!

Also, man sieht, was Heftromane anbelangt, bin ich ein alter Hase. Aber damals habe ich nach eigenen Exposés geschrieben, das stimmt. Was das "ausdenken müssen" anbelangt: So ist das ja nicht, daß man da Versatzstücke aneinandersetzt aus dem großen Geschichtenbaukasten. Der "goldene Funke" jeder Geschichte fällt einem immer zu, den macht man nicht. Der fällt vom Himmel, fällt einem in den Schoß, ganz unverdient und unverschuldet, und da liegt er dann und strahlt einen an und sagt: Schreib mich!

Was man selber machen muß, ist dann die Feinarbeit. Das Aufschreiben. Alles in zeitliche und räumliche Richtigkeit bringen. Den Text überarbeiten, umstellen, erweitern, kürzen.

Florian Breitsameter:

Da dieser PERRY RHODAN-Roman (wie es scheint) eine einmalige Sache bleiben wird, stellt sich für mich natürlich die Frage, ob Sie da auch mit den Größen der Serie (Perry, Atlan, Bully) agieren durften...

Andreas Eschbach:

Ja. Ich durfte sogar frei wählen. Es lief so, daß ich Robert Feldhoff einen Brief schrieb und sagte, ich stelle mir eine Geschichte vor, in der folgende Szene vorkommen kann ... xyz ... Und er hat das dann als kreative Herausforderung aufgefaßt, die Handlung der 1900er Bände sich so entwickeln zu lassen bzw. mir daraus genau das Stück herauszuschneiden, das diese Szene erlaubt.

Obwohl ich ihm gesagt hatte, ich schreibe auch etwas anderes. Was halt paßt, ich wollte keinerlei Ansprüche stellen. Wenn er gesagt hätte, mir fällt die Aufgabe zu, einen ganzen Roman darüber zu schreiben, wie Gucky ein Mohrrübenfeld anlegt, gießt, jätet und aberntet, dann hätte ich auch das gemacht ...

(Fortsetzung in SOL 11)

Zurück